Das Williamsburg in „Unorthodox“

„Williamsburg is not America“, sagt Esty in der Netflix-Serie „Unorthodox“.

Für mich sind Städte-, Viertel-, Reisebeschreibungen, die die Kontraste eines Ortes hervorheben (Tradition und Moderne! Reich und Arm!) meistens ein Zeichen dafür, dass der oder die Autor*in keine Lust hatte genau zu erläutern, was das jeweils Besondere ist. Schließlich ist es bei fast allen Städte möglich, irgendwelche Gegensätze zu betonen. Und doch sage ich: Williamsburg ist ein Stadtteil voller Kontraste. Ich habe noch nie einen Ort gesehen, bei dem auf kleinster Fläche so viele Gegensätze (das folgende Wort fällt ebenfalls in klischeehaften Beschreibungen) aufeinanderprallen.

Dass Esty ausgerechnet Williamsburg als „not America“ bezeichnet, wird viele zunächst überraschen. Williamsburg ist der Inbegriff eines gentrifizierten Viertels. Vor zwanzig Jahren wollte kein Mensch (schon gar nicht Leute aus Manhattan) freiwillig dort wohnen; vor zehn Jahren waren die Mieten unbezahlbar. Um das zu verdeutlichen: Ein Artikel von NY Curbed nennt Zahlen: Die Mieten für einen square foot lagen 2004 bei 50$, 2016 bei 347$ – gut, hier geht es um den Einzelhandel, was nur bedingt mit Wohnungsmieten vergleichbar ist, die Tendenz aber wird klar.

Williamsburg befindet sich im Nordwesten Brooklyns und somit quasi in Spuckweite zu Manhattan, was die rapide Gentrifizierung erklärt. Mit nur einer Subway-Station werden durch den L Train die First Avenue im East Village und die Bedford Avenue in Williamsburg verbunden. Steigt man an der Station Bedford Avenue aus, befindet man sich am Anfang der gleichnamigen Straße, die auf gut 16 Kilometern durch acht Viertel führt und somit die längste im gesamten Borough Brooklyn ist.

Im Jahr 2015 bin ich die Bedford entlanggelaufen. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Stunden ich unterwegs war. Zunächst passiert man Menschen, gegen die die Hipster in Neukölln blass gekleidet sind, es gibt viele teuere Cafés und Bars, wie eine typische gentrifizierte Gegend halt aussieht. Nach gar nicht allzu langer Zeit, etwa ab der Kreuzung von Bedford Avenue und Broadway (auf dem Titelbild zu sehen; hat nichts mit dem Theater District in Manhattan zu tun), beginnt das Viertel der chassidischen Jüdinnen und Juden. Der Übergang, in dem sich die Communitys auf der Bedford Avenue mischen, ist sehr überschaubar.

Für mich persönlich war es eine ganz neue Erfahrung, durch das jüdisch-orthodoxe Viertel zu laufen – so blöd es klingen mag, nie zuvor oder danach konnte ich so sehr nachempfinden, wie es etwa schwarzen Menschen unter nur Weißen gehen mag. Außer einem Afroamerikaner, der eine Zeit lang vor mir lief, und einem Latino-DHL-Lieferanten war ich stundenlang die einzige sichtbar nicht-jüdische Person und fühlte mich extrem exponiert (auch wenn ich nicht beachtet wurde). Ich habe auch keine Fotos gemacht, nicht einmal von den Straßenzügen, weil ich mich das als Deutsche noch viel weniger getraut habe.

Das war lange bevor ich wusste, dass die Neugründung der Satmar, eine chassidische Gruppierung, ganz direkt auf das Trauma der Shoa zurückzuführen ist. 1946 siedelten sich die ursprünglich aus Szatmárnémeti, Ungarn, heute Satu Mare, Rumänien stammenden Satmar in Williamsburg an. Laut Schätzungen (die Zahlen variieren aber stark) leben rund 50.000 bis 60.000 Satmar in dem Viertel, weltweit gehören der Glaubensrichtung irgendwo zwischen 60.000 und 120.000 Menschen an; auch die Zahlen, wie viele orthodoxe Jüdinnen und Juden generell in Williamsburg wohnen, sind sehr unterschiedlich. Die Muttersprache der Satmar ist Jiddisch, die Community extrem religiös, streng strukturiert und kaum durchlässig zu anderen Gemeinschaften und Kulturen. In dem Buch „Unorthodox“ schildert Deborah Feldman, wie sie aus dieser Community der Satmar nach Berlin flieht und sich dort ein neues Leben aufbaut; die gleichnamige Serie basiert lose auf ihren Erfahrungen.

Williamsburg is not America, denn so sehr wir diesen Stadtteil mit Hipstern, coolen Kneipen und Gentrifizierung assoziieren mögen, spiegelt dies nur einen kleinen Teil der Realität Williamburgs wider. Neben den Bohemians und den Ultraorthodoxen gibt es außerdem eine große italienischamerikanische und eine große puertoricanisch-domenikanische Community in Williamsburg – eben ein Viertel voller Gegensätze und Kontraste.

Trotz der großen Unterschiede leben sie alle recht harmonisch miteinander. Ein Cover des New Yorker aus dem Jahre 2016 von Tomer Hanuka illustriert das auf grandiose Weise: „Take The L Train“ zeigt einen orthodoxen Juden und einen Hipster in der Subway, die sie beide benutzen – und verdeutlicht, wie ähnlich sie sich am Ende doch sind.

© Tomer Hanuka/New Yorker

2 Gedanken zu “Das Williamsburg in „Unorthodox“

  1. Ich hab mit die Miniserie angesehen. Kaum zu glauben, dass es so etwas außerhalb Jerusalems gibt. Da sieht man diese strenggläubigen Juden auf Schritt und Tritt. Wie finanzieren die sich eigentlich in den USA, durch Spenden?

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  2. Ich habe letztes Wochenende Unorthodox für mich entdeckt – daher kam dein spannender Artikel jetzt zur richtigen Zeit. :) Sehr spannend, deinen Eindruck von dem Viertel zu lesen – und ich kann mir sooo gut vorstellen, wie „fehl am Platz“ du dich da zum teil gefühlt hast!

    Gefällt 1 Person

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