Sara Mesa – Quasi

Kammerspiel im Gebüsch: Tag für Tag treffen sich ein älterer Mann und ein 13-jähriges Mädchen im Park. Sara Mesa schildert in „Quasi“ eine heikle Freundschaft.

„Inzwischen ist Quasi jedoch quasi vierzehn, und allmählich ändern sich die Spielregeln. Wenn sie sich nie mit irgendwelchen Unbekannten einlässt, kommt sie im Leben nicht weiter. Ein Bekannter war vorher irgendwann auch mal ein Unbekannter, anders kann es gar nicht sein – wenn wir uns unser Leben lang weigern, mit Leute zu sprechen, die wir nicht kennen, werden wir niemals jemanden kennenlernen.“

Eines Tages geht sie nicht mehr zur Schule. Stattdessen setzt sie sich im Park auf eine kleine Lichtung hinter den Büschen, die sie von nun an jeden Morgen aufsucht. Dann steht plötzlich ein älterer Mann vor ihr. Mit dieser Begegnung beginnt der Roman „Quasi“ von Sara Mesa, der nach seiner Protagonistin benannt ist: Die beiden treffen sich von nun an täglich und nennen sich „Quasi“ – sie ist 13 und somit „quasi 14“ Jahre alt – und „Alter“ – er ist bereits 54. Eine Konstellation, die die Lektüre von der ersten Seite an unangenehm macht.

Dabei tun sie nichts anderes als auf dieser Lichtung zu sitzen und zu reden. Der Alte trägt immer den gleichen Zweiteiler, einen aus der Mode gekommenen, schmuddeligen Anzug. Und er erzählt, hält lange Monologe über die beiden einzigen Themen, die ihn interessieren: Vögel und Nina Simone. Durch diese Gespräche kommen sie langsam ins Persönliche. Es kristallisiert sich heraus, dass Quasi die Schule unter anderem deswegen schwänzt, weil sie dort „Brotgesicht“ (so auch der Originaltitel des Romans) genannt wird. Ein nicht unbedingt böse gemeinter Spitzname, aber „warum tut ihr das so weh?“ Den Mann kümmert nicht, dass sie dicklich ist und Pickel auf den Armen hat; vor ihm muss sie sich weder schämen noch rechtfertigen.

Beide, Quasi und der Alte, wissen, dass das, was sie da tun, suspekt wirkt. Als sie sagt, dass sie mit ihrem Vater über Nina Simone geredet hat, wird er nervös, fragt, ob sie ihm von ihm erzählt hat. Hat sie nicht, der Vater denkt schließlich, sie ginge jeden Tag in die Schule. Dass er verschwiegen wird, gefällt dem Alten ebenso wenig. „Immer lassen ihn die Leute weg, sagt er … An ihm ist nichts Komisches, und schon gar nichts Böses!“ In der Tat gestaltet sich der Alltag dieser Freundschaft fast schon verdächtig harmlos. Quasi ahnt, dass es in seiner Vergangenheit Brüche gab, über die er sich ausschweigt, sie höchstens andeutet, von einem Klinikaufenthalt ist die Rede. Bei ihr wiederum macht sich die Pubertät bemerkbar, sie zieht ein „seltsames Lustgefühl“ aus diesen heimlichen Treffen, „die Lust an der Überschreitung“. Sie geht davon aus, dass er ihr nichts tun wird, „aber damit die Geschichte funktioniert, muss sie ihn sich als gefährlich vorstellen“. Diese Geschichte braucht sie für sich selbst, um ihr eigenes Leben interessanter zu finden.

Über lange Strecken dieses 144 Seiten kurzen Romans gibt es für Quasi keine Geschichte, die sie erzählen könnte. Sara Mesa bleibt subtil und baut die Dynamik zwischen diesen beiden Menschen, langsam auf, von der sich viel in Quasis Kopf zuspitzt. Natürlich hat sie schon von „Triebtätern“ gehört, auch wenn sie nur eine vage Vorstellung davon hat, was genau das bedeutet. Doch dass dies hieße, von ihm auf eine Weise begehrt zu werden, das weiß sie, und sein offensichtliches Desinteresse frustriert sie und erinnert sie an ihre Unsicherheiten, was ihr Aussehen betrifft. „Findet niemand sie attraktiv? Nicht mal der Alte?“

Dieser Roman liest sich wie ein Kammerspiel, das sich zwar nicht in einem geschlossenen Raum abspielt, aber mit der Lichtung im Gebüsch doch klare räumliche Grenzen hat. Der Blick von außen dringt erst am Ende auf diese ungleiche Freundschaft, bei der es trotz der Zuneigung zwischen Quasi und dem Alten schwerfällt, sie als „Freundschaft“ zu bezeichnen. Die beiden sind wie entrückt von der Realität, ein Gefühl der Unwirklichkeit, das dadurch verstärkt wird, dass sämtliche Personen, Park, Stadt und Land namenlos bleiben. „Quasi“ ist ein Roman über das Erwachsenwerden, darüber, wie anders die Welt aus unerfahrenen Kinderaugen wahrgenommen wird; über Fragen nach dem Richtig und Falsch und zeigt, dass diese oft viel schwieriger zu beantworten sind, als zunächst scheint. Mesa schreibt in klarer Sprache und frei von moralischer Wertung, überlässt ihren Leserinnen und Lesern, sich eine eigene Meinung zu dieser ungewöhnlichen Beziehung zu bilden.

Sara Mesa – Quasi
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Wagenbach, Berlin
144 Seiten, März 2020


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