„Es lo que hay.“ Das erste Dreivierteljahr in Barcelona

Seit mehr als 15 Jahren gehe ich in Barcelona ein und aus, seit einem Dreivierteljahr wohne ich wieder fest hier. Es ist eine interessante Erfahrung, die Stadt unter diesen Bedingungen zu erleben, der Alltag ist ein anderer. Einerseits haben viele Läden geschlossen, andererseits ist Barcelona ohne Tourismus zu erleben ganz schön großartig, und die Menschen hier haben eine gelassene „Es lo que hay“-Einstellung angenommen – es ist halt, wie es ist.

Was also machen in der Stadt, die höchstens auf 70 Prozent läuft? Da gibt es so einiges! Ich persönlich nehme mir langsam die Touristenattraktionen, die ich noch nie oder zuletzt vor vielen Jahren besucht habe, vor.

Kürzlich war ich zum Beispiel erstmals im Casa Vicens. Das Casa Vicens ist ein weniger bekanntes Gaudí-Haus mitten im Stadtteil Gràcia (auch schwierig von außen zu fotografieren, weil es sich in einer kleinen Gasse statt einer Prachtallee befindet), wurde als Auftragsarbeit von 1883 bis 1885 von Antoni Gaudí (‪1852-1926) entworfen und gebaut und ist somit eins seiner ganz frühen Werke. Es gehört zu seiner orientalischen Phase: Das Gebäude ist im arabisch inspirierten Mudéjar-Stil geschmückt und hat bereits Züge der naturalistischen Ornamentik, die später eine weitaus größere Rolle in seinen Projekten spielen sollte. Seit 2005 ist das Casa Vicens ein UNESCO-Weltkulturerbe, und erst seit 2017 als Museum der Öffentlichkeit zugänglich. Ist natürlich nicht annähernd so beeindruckend wie die Sagrada Familia von innen, aber trotzdem einen Besuch wert.

Auch barcelonaunabhängig habe ich in den letzten Monaten einige Dinge gesehen, gelesen und gemacht, die ich euch empfehlen kann.

  • Podcasts: Auf meinen langen Spaziergängen durch die Stadt höre ich öfter Podcasts als Musik. Empfehlen kann ich Literary Friction und Culture Call, beides fortlaufende Podcasts, in denen sich die Hosts jeweils mit literarischen beziehungsweise kulturellen Themen auseinandersetzen. Wirklich sehr erhellend. Abgeschlossene Podcasts, die einen bestimmten Handlungsbogen haben, höre ich aber fast noch lieber, wie zum Beispiel der Lolita Podcast, der Inhalt, Rezeption und langfristigen Einfluss auf Kultur und Popkultur von Vladimir Nabokovs Werk analysiert. Oder den Podcast Forgotten: Women of Juárez, der ausführlich die Feminicidios in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez beleuchtet, vor allem die vielen Gründe, die es dafür gibt.

  • Poker: Poker gehört für mich zu den Spielen, von denen ich schon immer geträumt habe, in geselliger Runde plötzlich mit meinen tollen Skills zu überraschen. (Ähnlich geht es mir auch mit Billard, Tischfußball und Skateboard, aber das kann ich nicht heimlich, still und leise üben.) Eine neue Freundin von mir, die ich im Sommer kennengelernt habe, ist absoluter Poker-Pro und hat zwei, drei Spieleabende mit Anfängerinnen wie mir organisiert. Hat sich leider wieder verlaufen, aber seitdem bin ich hooked und spiele immer wieder auf PokerStars Casino, damit ich irgendwann meine kleine Coolness-Fantasie ausleben kann und meine Spielpartner*innen nicht nur verblüffe, sondern in der Tat auch Geld verdiene.

  • Filme und Serien: Wer mich kennt, weiß, dass ich sehr, sehr viele Serien schaue (und auf 54books mitunter lange Analyse darüber schreibe). Zu den Offenbarungen der letzten Monate gehören für mich „Ma Rainey’s Back Bottom“ mit einem herausragenden Chadwick Boseman in seiner letzten Rolle (für die er auch für einen Oscar nominiert ist), die Paris-Hilton-Doku von YouTube (endlich ist die Zeit gekommen, dass die vor allem in den Nullerjahren so geshameten jungen Frauen der Öffentlichkeit ihr eigenes Narrativ übernehmen), der Film „One Night in Miami“ über Muhammed Ali, Malcolm X, Sam Cooke und Jim Brown – und, machen wir uns nichts vor, viele Serien, die eher unter die Kategorie Guilty Pleasure fallen.

  • Bücher: Zunächst ein Tipp für diejenigen, die in Barcelona leben, aber nicht auf Spanisch lesen wollen: Die Bibliothek des Goethe-Instituts hat eine große Auswahl an deutschsprachiger Literatur, der Ausweis ist kostenlos. Und im linken Eixample gibt es mit Come in einen guten English Bookstore, den ich regelmäßig besuche. Meine persönlichen Leseerfahrungen der letzten Monate waren erstaunlich positiv, ich habe kaum Bücher abgebrochen. Herausheben möchte ich „Streulicht“ von Deniz Ohde, „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ von Alena Schröder und „Zorn und Stille“ von Sandra Gugić, drei Romane, die mir den Glauben an die deutschsprachige Gegenwartsliteratur wiedergegeben haben und die ich bald noch näher vorstellen werde. Richtig toll sind auch die beiden Essaysammlungen „Trick Mirror“ von Jia Tolentino und „Botschaften an mich selbst“ von Emilie Pine, die kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen sind. Und ich schließe mich dem Hype an und möchte mit Nachdruck die „Kopenhagen-Trilogie“ von Tove Ditlevsen empfehlen, wirklich eine tolle Wiederentdeckung!

Was das Leben in Barcelona fern von Touristenattraktionen und Dingen, die man zu Hause machen kann, betrifft: Inzwischen haben die Cafés und Kneipen bis um 17 Uhr offen, ich bin also oft auf den Terrassen der Stadt zu finden. Ich habe Essen gehen schon immer geliebt, und jetzt weiß ich das Privileg umso mehr zu schätzen. Sobald es Sinn macht, werde ich euch eine Liste mit Tipps zusammenstellen.

Außerdem gibt es auch sonst viel zu erleben. Barcelona ist für mich weniger eine Stadt mit Points of Interest, die, die es gibt, kann man quasi an einer Hand abzählen (Sagrada Familia, La Pedrera, Park Güell, Picasso-Museum), sondern lebt mehr von der Atmosphäre. Ein Freund hat Barcelona mal als „lateinamerikanischste Stadt Europas“ bezeichnet, und ich finde, das passt wie die Faust aufs Auge, wenn man die Einstellung der Bewohner*innen beobachtet. Und auch architektonisch, vom Stadtbild her, gibt es hier immer Neues, immer Abwechslung, ob man in den engen Gassen der Altstadt Ciutat Vella oder den breiten Straßen des Eixamples läuft, durch das nachbarschaftliche Gràcia streift oder unbekanntere Viertel wie das Clot erkundet. Oder, wie ich, das Viertel Poblenou kennenlernt, das, kneift man die Augen ein bisschen zusammen, fast an Brooklyn erinnert.

Wer etwas Zeit mitnimmt, dem seien diese Streifzüge unbedingt empfohlen. Etwas weiter raus hat Barcelona Strände, die nicht so überlaufen sind wie die von Barceloneta, etwas weiter raus gibt es die Bunkers del Carmel, die während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) zur Luftabwehr gebaut wurden und von denen man eine ganz tolle Sicht über die Stadt hat, und etwas weiter raus gibt es kreative Zentren wie das Nau Bostik mit ganz viel Streetart und wechselnden Kunstaustellungen.

Große Barcelona-Liebe hier, wie ihr merkt. Es gibt so viel zu entdecken.


3 Gedanken zu “„Es lo que hay.“ Das erste Dreivierteljahr in Barcelona

  1. Auch hier große Barceona-Liebe, es tut so gut immer wieder einen schnipsel aus dieser schönen Stadt zu erhaschen. Es mag stimmen, dass Barcelona die latinoamerikanischste ist in Spanien. Auf jeden Fall wecken deine Beschreibungen Sehnsüchte und zeigen mir Facetten, die für mich unbekannt waren!

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