iO Tillett Wright – Darling Days

„Aber selbst 1985, die Stadt ohnehin pleite und im Chaos versunken, in der Schlussphase von Punk und in der Hochphase der Aids- und Crack-Epidemie, stach die Third Street durch ihre besonders raffinierte Gewalttätigkeit heraus, ein Kaleidoskop des Irrsinns.“

Dies ist ein Buch, das mit einem dreiseitigen Brief, einer Art Entschuldigung, an die Mutter beginnt. Diese Entschuldigung setzt den Ton für den gesamten Text – die Mutter von iO Tillett Wright kommt in „Darling Days“ nicht gerade gut weg, weil sie ihr Kind teils grauenhaft behandelt. Und doch ist die Liebe zwischen ihnen immer da, immer stark, auch wenn iO als Teenager mehrfach nach Europa (sogar Karlsruhe!) entflieht, um fern von der Mutter zu sein.

Heute ist iO Tillett Wright bekannt als Autor, Podcaster und Fotograf. Dass er diesen Weg eingeschlagen hat, verwundert nicht, liest man sein fiktionalisiertes (die vielen Details und Dialoge sind nicht 1:1 der Erinnerung entsprungen) Memoir „Darling Days“. Als Kind einer Schauspielerin und eines Künstlers wächst iO in den damals – Ende der achtziger bis tief in die neunziger Jahre – noch hochgradig dreckigen und gefährlichen Straßen des East Village und der Bowery auf. Dieses unkonventionelle Bohemian-Leben mit drogenabhängigen Eltern, die sich bald trennen, in einer Messie-Wohnung, mit wenig Kleidung und oft großem Hunger sowie vollständiger Abwesenheit sozialer Normen stellen das Kind vor enorme Herausforderungen. iOs Alltag ist geprägt von den Versuchen, Essen zu organisieren, von lauten Streiten mit der Mutter, von Scham über dieses Leben vor anderen Menschen, aber auch von der Liebe zur Mutter, die alles für ihr Kind tun würde (außer halt die Stromrechnung zahlen oder Lebensmittel kaufen, was sie schlichtweg nicht auf dem Radar hat).

Zugleich bedeutet diese Eltern haben eine Art Freiheit für iO, die er in einem anderen Kontext nicht erlebt hätte. Im Alter von sechs sagt er zu seinem Vater: „Ich bin dein Sohn.“ Der Vater überlegt kurz, verlangt keine Erklärung, und sagt: „Gebongt“, die Mutter reagiert ähnlich locker (die Schule stellt diesbezüglich ein viel größeres Problem dar). Und auch als iO im Alter von 14 beschließt, für sich das Leben als Mädchen zu testen, akzeptieren die Eltern diese Entscheidung ohne Widerstände. „Darling Days“ endet im Jahr 2008, als iO Tillett Wright noch als Frau lebt, inzwischen ist er seit langem ein trans Mann.

Gender und Sexualität sind große Themen des Buches, ebenso Coming of Age in den letzten Tagen von gritty Lower Manhattan, und vor allem eben die Beziehung zu zwei unorthodoxen Elternteilen. „Darling Days“, übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann, ist keine große Literatur – das Buch mit zahlreichen Fotos folgt wie ein Tagebuch einem strikt chronologischen Ablauf und ist ziemlich adjektivlastig und deskriptiv, mit sehr subjektivem Blick – es will das aber auch gar nicht sein. Es ist vielmehr das leicht zu lesende Buch einer interessanten Biografie – und am Ende, trotz allem, eine Liebeserklärung an die Mutter.

iO Tillett Wright – Darling Days
Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann
Suhrkamp Nova, Berlin
September 2017, 436 Seiten

„Die Anfälle bei Ma werden immer schlimmer, und die Darling Days immer seltener. Sie schmeißt manchmal Sachen kaputt, aber sie schlägt mich nie, obwohl die Schwärze in ihre Augen tritt. Früher kam es nur nachts vor, aber jetzt weiß ich nicht mehr, welche Version von ihr mich aus der Schule abholt.“


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