Jia Tolentino – Trick Mirror

Eine Frage der Identität: In den USA wird sie als Susan Sontag und Joan Didion der Millennials bezeichnet: New-Yorker-Journalistin Jia Tolentino brilliert in ihrem Buch „Trick Mirror“ mit neun selbstreflexiven wie gesellschaftskritischen Essays.

Erinnert ihr euch noch an die frühen Zeiten des Internets? Die pixeligen Grafiken, die langsam luden, die wilden Kombinationen aus Hintergrund, Schriftfarbe und Font, und überraschend plärrte ein Midi los? Jia Tolentino erinnert sich, denn die 1988 geborene Kolumnistin ist gleichzeitig mit dem Internet erwachsen geworden. Daraus hat sie ihre eigene Marke entwickelt, ist von Spielereien bei Angelfire über die feministische Website Jezebel im Jahr 2016 zum New Yorker gekommen und schreibt unter anderem über das Internet, Popkultur, Feminismus und das Ich – ebendie Themen, die sie in ihrem 2019 auf Englisch veröffentlichten (und jetzt von Margarita Ruppel übersetzten) Buch „Trick Mirror“ auch behandelt. Mit dem Unterschied, dass diese neun Essays über politische und mediale Entwicklungen sehr ausführlich und nicht an Aktualität gebunden sind.

Das Internet und die Moral

Das macht sie aber nicht weniger gegenwärtig. Gleich das erste Essay behandelt das Thema, das wohl am meisten mit Tolentino assoziiert wird: „Das Ich im Internet“. Sie beginnt darin mit ihren ersten Schritten im Netz Ende der neunziger Jahre, macht dann aber ein breites Panorama auf, analysiert heutige Performances und zeigt sich desillusioniert ob des Niedergangs der optimistischen Verheißung des Internets als Beitrag für eine pluralistische und offene Zukunft, die es nicht erfüllen konnte.

So kritisiert sie etwa das „virtue signaling“, auf Deutsch als „Tugendprotzerei“ bezeichnet, in der es darum geht, Moral performativ darzustellen, ohne sich aber notwendigerweise entsprechend zu verhalten (das vielleicht beste Beispiel dieser Performance fand seinen Höhepunkt vergangenes Jahr, als im „Black Lives Matter“-Sommer viele User*innen statt politischen Engagements einfach eine schwarze, mit Hashtag versehe Kachel posteten). Jia Tolentino betrachtet das einerseits kritisch, ist andererseits aber auch nachsichtig, weil sie weiß, dass es fast unmöglich ist, sich davon freizumachen. „Nur wenige von uns sind völlig immun gegen diese Verhaltensweise, da sie sich mit dem echten Bedürfnis nach politischer Integrität überschneidet“, so die Essayistin.

Damit hängt auch zusammen, dass fortlaufend die eigene Identität im Internet kommuniziert wird, während es, wie Tolentino festhält, in der Offline-Welt „Phasen der Erholung“ gibt, bei denen zudem das Publikum und somit die eigene Performance wechselt – während sich im Internet die verschiedenen Rollen überlagern, denen wir gleichzeitig versuchen gerecht zu werden. „Das Internet birgt jedoch noch etliche weitere albtraumhafte metaphorische Strukturen: den Spiegel, das Echo, das Panoptikum“, wir bekommen also die eigene Performance zurückgeworfen – allerdings eher als Zerrspiegel, „Trick Mirror“ halt – und sind zugleich gläsern. „Durch die sozialen Medien sind viele Menschen schnell zu der Ansicht gelangt, alle neuen Informationen seien eine Art direkt Kommentar darüber, wer sie sind.“

Nun könnte man ihr vorhalten, dass dies keine neuen Gedanken sind, dass zu dieser Folgerung schon viele vor und nach ihr gekommen sind. Jia Tolentino hat allerdings gar nicht den Anspruch, neue Ideen zu formulieren, sondern möchte vielmehr bestehende Diskurse ausführlich analysieren. Vor allem aber findet sie zu altbekannten Themen weitere Ebenen, einen neuen Zugang. Beim „Ich im Internet“ etwa ist es die Beobachtung, dass Frauen „besonders gewinnbringend“ mit den Bedingungen der digitalen Welt umgehen, weil von ihnen „schon immer erwartet wurde, auf die Außenwirkung ihrer Identität zu achten“. Sprich: Sie sind in der Lage, ihre verschiedenen Rollen und Performances besser zu jonglieren und kontrollieren.

Kapitalismus und Feminismus

Auch in den weiteren acht Essays von „Trick Mirror“ setzt sich Tolentino mit dem Thema Identität auseinander. Oft geht sie dabei von einer persönlichen Erfahrung aus, um dann gesellschaftliche Strukturen zu analysieren. Sie weiß um ihre eigene Verstrickung in die Kultur, die sie kritisiert, und betrachtet ihr paradoxes Verhalten, ohne dabei in Selbstgeißelung oder Koketterie zu verfallen. Selbst die etwas schwierigeren Kapitel ihrer Vergangenheit betrachtet sie aus wohlwollender Distanz.

Tolentino, Kind philippinisch-kanadischer Eltern, wuchs in einer texanischen Megachurch auf, ein riesiges Gelände, in dessen Mitte ein Worship Center steht, das 6.000 Menschen Platz bietet. Davon ausgehend kombiniert sie in „Ekstase“ ihre religiöse Erziehung mit ihrer Drogenerfahrung, dem Verlust des Glaubens, der lokalen Hiphop-Szene und der Topographie der Stadt Houston in einem dichten Essay, in dem sie diese vermeintlich unterschiedlichen Komplexe schlüssig miteinander verschmilzt. Ein anderer Text über literarische Heldinnen und Vorbilder hat den Auslöser in Tolentinos Kindheit, als sie mit einer Freundin Power Rangers spielt, die darauf beharrt, Jia „müsse die Yellow Ranger spielen“. Vielleicht das Ende ihrer Selbsttäuschung, wie die Essayistin rückblickend festhält – weil ihr ab diesem Moment aufzufallen begann, dass die Mädchen in den Büchern, die sie so gerne las, nicht so aussahen wie sie.

Die Essays sind sehr USA-lastig, was Persönlichkeiten, Diskurse und Kultur betrifft. „Trick Mirror“ ist ein Buch für diejenigen, die sich für die USA interessieren, gleichzeitig aber US-kritisch sind. In leicht abgeschwächter Form lässt sich ihre Analyse wie über Selbstoptimierung im Kapitalismus zwischen dem vorgeschnittenen Salat zum Mittagessen und einer Art Boot Camp, um den Körper zu stählen, auch auf andere westliche Länder übertragen. Ebenso ist der wirklich großartige Text, in dem sie die Sozialisierung ihrer Generation, also der Millennials, anhand von bekannten Betrüger*innen wie Mark Zuckerberg oder den Organisator des unglückseligen „Fyre Festivals“ durchleuchtet, auch universell, aber vorrangig sehr US-amerikanisch: „Das Schwindeln liegt in der DNA dieser Nation, die sich auf der Vorstellung gegründet hat, es sei gut, wichtig und sogar nobel, sich zunehmen, was man kann, sobald sich eine lukrative Gelegenheit bietet. Diese Geschichte ist so alt wie das erste Thanksgiving.“

Die Stimme der Millennials

Das ist das Beeindruckende an Jia Tolentinos „Trick Mirror“: Sie versteckt ihre persönliche Meinung nicht, ohne sie aber den Leser*innen aufzwängen zu wollen; sie ist kritisch, aber nicht kulturpessimistisch, schließlich ist sie integraler Bestandteil der Kultur, die sie unter die Lupe nimmt. Sie gibt keine Lösungen, verweigert sich simplen Antworten, sondern liefert uns vielmehr einen Denkkatalog. Ihre Essays sind sehr aktuell, da sie gegenwärtige Phänomene betrachtet, aber auch zeitlos. So ist die Trump-Regierung etwa ein Fixpunkt, immerhin sind sie zwischen 2017 und 2018 entstanden, wird aber wiederum namentlich selten erwähnt. Tolentino geht es vielmehr um die Kultur, die ihn ermöglicht hat, und als Wechselwirkung von ihm beeinflusst wurde. Dadurch entsprechen sie dem Zeitgeist, passen aber ebenso gut ins Jahr 2021.

Jia Tolentino wurde mit den größten Essayistinnen der vergangenen Jahrzehnte, mit Susan Sontag, Joan Didion, Zadie Smith und Rebecca Solnit, verglichen. Ein Vergleich, vor dem sich Tolentino nicht verstecken muss. Und doch: „Trick Mirror“ beweist, dass die heute 32-Jährige eine ganz eigene, einzigartige Vision hat. Oder, um eine abgenutzte und doch zutreffende Floskel zu verwenden: Jia Tolentino darf gut und gerne als eine Stimme ihrer Generation bezeichnet werden.

Jia Tolentino – Trick Mirror
Aus dem Englischen von Margarita Ruppel
S. Fischer, Frankfurt
Februar 2021, 368 Seiten


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