Elisa Diallo – Französisch verlernen

Zu meinen größten mir selbst gestellten Aufgaben gehört es, Nicht-Deutschen die Illusion zu nehmen, Deutschland habe den Nazismus im Großen und Ganzen überwunden, sei ein weltoffenes, diverses Land und Rechtsextremismus höchstens eine Randerscheinung. Ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt und auch wütend darüber, wie verbreitet dieses Bild ist. Elisa Diallos Memoir „Französisch verlernen“ (übersetzt von Isabel Kupski) zu lesen war da eine sehr interessante Erfahrung für mich. Die gebürtige Französin und in Mannheim lebende Diallo nämlich hat die doppelte Perspektive. Einerseits die gewisse Nachsichtigkeit für Deutschland einer Person, die nicht in diesem Land geboren beziehungsweise sozialisiert ist, andererseits kennt sie die deutsche Gesellschaft sehr gut.

In „Französisch verlernen“ dokumentiert Diallo ihren Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft, während sie zugleich über den Rassismus schreibt, den sie – als Schwarze mit guineischem Vater – in Frankreich und Deutschland (und mit einigen Blicken auch nach Amsterdam, wo sie mehrere Jahre verbracht hat), erlebt. Im Vergleich zu Frankreich, von dem wiederum wir Deutsche die Illusion einer pluralistischen „Multikulti“-Gesellschaft haben, fühlt sie sich in Deutschland, das sie als „Verheißungsland“ bezeichnet, sicherer, so Diallo. Ausgerechnet in dem Land, das in ihrer Kindheit als uncool galt! Dass sich diese Wahrnehmung bei ihr und ihrer Familie gewandelt hat, hat aber nicht nur mit Deutschlands Entwicklung selbst zu tun, sondern: „Wenn meine guineischen Cousinen und Cousins Deutschland nicht mehr verteufeln, dann nicht nur, weil sich Deutschland zum Besseren verändert, sondern weil sich der Rest Europas zum Schlechteren gewandelt hat.“

Elisa Diallo und ich haben ganz andere Lebenswege, und doch habe ich mich persönlich in vielen Stellen wiedergefunden. Sie beschreibt, dass sie in Frankreich die ewige „Wo kommst du wirklich her?“-Frage sehr viel mehr stört als in Deutschland, weil ihr dadurch das Französischsein abgesprochen wird. Ich kenne das ähnlich, nur halt andersrum. Werde ich etwa in Spanien nach meiner Herkunft gefragt, stört mich das nicht, auch nicht, wenn mir mal wieder verwundert erzählt wird, alle Deutschen seien doch groß, blond und blauäugig! In Deutschland allerdings kriege ich schnell die Krise. Nicht beim ersten Mal Fragen, aber beim wiederholten, wenn die Antwort „Frankfurt“ nicht ausreicht. Ich habe keine Geduld mehr für die betont nachsichtige Erläuterung, als hätte ich die Intention der fragenden Person nicht richtig verstanden: „Nein, ich meine deine Eltern.“ Und das passiert mir in Deutschland oft.

Elisa Diallo antwortet auf diese Frage nicht mehr mit „Frankreich“, sondern nennt Paris als ihre Herkunft, das Gleiche tue ich auch, allein schon aus dem Grund, weil ich mich nicht mit Deutschland identifiziere. Diallo fügt dem vertiefend hinzu, dass Pariserin zu sein „eindeutiger“ für die Leute sei als Frankreich. „Konkrete Ortsangaben sind weniger symbolträchtig und werden daher eher akzeptiert. Außerdem sehe ich es so, mein wahres Herkunftsland ist Paris.“ Und meins Frankfurt.

„Französisch verlernen“ setzt sich mit Deutschland, Frankreich, mit Rassismus und mit kafkaesker deutscher Bürokratie auseinander, ist dabei aber ohne Wut oder Anklage geschrieben. Für Menschen, die die „Woher kommst du wirklich“-Frage kennen, ist die Erfahrung, dieses Buch zu lesen, bestimmt eine andere als für Weißdeutsche. Empfehlen kann ich die Lektüre allen.

Elisa Diallo – Französisch verlernen. Mein Weg nach Deutschland
Aus dem Französischen von Isabel Kupski
Berenberg, Berlin
Februar 2021, 160 Seiten


2 Gedanken zu “Elisa Diallo – Französisch verlernen

  1. Danke Isabella,
    für die aktuelle Buchbesprechung mit persönlicher Note. Dass die Frage nach der Herkunft die Autorin und Dich persönlich nervt, finde ich nachvollziehbar und verständlich.
    Unsere Mutter war Flüchtling aus dem 2. Weltkrieg und engagierte sich zeitlebens für Zugewanderte in der Gemeinde und Nachbarschaft. Noch zuletzt im Pflegeheim fragte sie Mitbewohnerinnen und Angehörige, wie heißen Sie, und wo kommen Sie her? Dies kam aus ihrer Solidarität für Zugewanderte und einem Gefühl möglicher Gemeinsamkeit in dieser Erfahrung.
    Die Offenheit für Zugewanderte habe ich von ihr geerbt und übernommen. Ich frage nicht, wo kommen Sie her. Manchmal frage ich, welche Sprache oder Sprachen sprechen Sie? Wäre dies im Sinne der Autorin und für Dich annehmbar, oder welche Möglichkeiten des Ansprechens bevorzugst Du und die Autorin?
    Solidarische Grüße
    Bernd

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Bernd, danke dir für diesen Kommentar!
    Ich kann nicht für Elisa Diallo sprechen, aber ich persönlich finde die Frage, welche Sprachen man spricht, super. Da geht es ja nicht nur um die Muttersprache(n), sondern auch um die erlernten, was ein schönes, persönliches Gespräch über Interessen, Vorlieben und Erfahrungen ermöglicht. Also mir würde diese Frage gefallen.
    Grüße!

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