James McBride – Der heilige King Kong

Ich schreibe selten über Bücher, die ich abbreche, aber in diesem Fall muss ich meinem Ärger Luft machen.

„Der heilige King Kong“, im März bei btb erschienen, ist ein Roman der Art, wie ich sie eigentlich liebe: ein klassischer (US-amerikanischer) Gesellschaftsroman, der anhand eines Mikrokosmos mehr über das große Ganze erzählt. James McBrides Roman spielt Ende der sechziger Jahre in fiktiven Projects (Sozialbausiedlung) im Süden Brooklyns und hat positive Besprechungen bekommen, vom New Yorker über die NYT bis hin zu NPR. Nach 150 Seiten allerdings kriegt mich die Story immer noch nicht. Warum ich abbreche, hat aber einen anderen Grund: die Übersetzung.

Klar, es ist extrem schwierig, Vernakularsprachen, Umgangssprachen oder Dialekte in eine andere Sprache zu übertragen. Viele Figuren in dem Roman reden AAVE (African-American Vernacular English), und in der Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence, eigentlich sehr erfahren, werden Sätze daraus wie: „Aber er iss da?“ – „Nich wie sons. Aber da isser doch.“ Nee, echt nicht. Das funktioniert auf Deutsch nicht, das klingt im besten Fall gewollt, im schlimmsten Fall einfach nur scheiße. Als Lektorin hätte ich entschieden, die Protagonist*innen Hochdeutsch sprechen zu lassen, auch wenn damit Nuancen lost in translation sind. Besser das, als SO.

Wirklich schlimm ist aber was anderes. James McBride benutzt im Roman öfter das N-Wort. Das ist als afroamerikanischer Autor mit vielen Schwarzen Charakteren natürlich legitim. Etwas …unangenehm… wird es, wenn man weiß, dass ein weißer Übersetzer diese Slurs tippt. Was hier aber gar nicht geht: Das N-Wort ist INS DEUTSCHE übersetzt worden, also das deutsche N-Wort, und ey, was haben sich Übersetzer und Lektorat dabei gedacht??! Das US-amerikanische und das deutsche N-Wort haben komplett andere soziokulturelle, historische Bedeutungen, ich kann echt nicht glauben, dass das im Jahr 2021 wörtlich übersetzt wird.

Für mich ist diese Übersetzung der beste Beweis, warum es _dringend_ mehr nicht-weiße Personen in der deutschen Buchbranche geben muss, vor allem Lektor*innen und Übersetzer*innen. So wie in „Der heilige King Kong“ ist das echt unter aller Sau.

James McBride – Der heilige King Kong
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
btb, München
März 2021, 448 Seiten


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