Ahmad Danny Ramadan – Die Wäscheleinen-Schaukel

„Wenn wir uns von einem Freund verabschiedeten, hatten wir immer im Hinterkopf, dass es das letzte Mal sein konnte. Mit der Zeit verinnerlichten wir dieses Wissen und es wurde zur Normalität; wir akzeptierten, dass uns irgendwann das Leid ereilen würde, und es war sinnlos, sich schon vorher aufzuregen.“

Der Tod wartet auf seinen langjährigen Lebensgefährten, und das ist wörtlich gemeint: Er sitzt in der Ecke und beobachtet die beiden Männer, unterhält sich teilweise mit ihnen, trinkt Käffchen. Um Zeit zu schinden, damit er seinen Partner nicht mitnimmt, beginnt der Hakawati Geschichten zu erzählen. Hakawati, ein arabischer Begriff, der auf Deutsch Geschichtenerzähler bedeutet, ist der Protagonist in dem Roman mit dem etwas irritierenden Titel „Die Wäscheleinen-Schaukel“ von Ahmad Danny Ramadan, einem syrischen Journalisten, Autor und LGBTQ-Aktivisten, der 2012 nach Vancouver floh.

Wie es mit Anekdoten und Erinnerungen so auf sich hat, folgen auch die vielen Geschichten des Hakawati einer intuitiven Reihenfolge, keiner Chronologie. Er erzählt von seinem Aufwachsen in Damaskus, vom Leben als schwuler Junge, von den Problemen mit seinen Eltern, von Auslandserfahrungen in Kairo oder Beirut, dem Syrischen Bürgerkrieg, der Flucht nach Kanada. Viele seiner Geschichten sind voller Schmerz, Trauer und Gewalt, und doch blitzt immer wieder Schönheit, Liebe und Freundschaft durch.

Hie und da ist „Die Wäscheleinen-Schaukel“ ein wenig kitschig (vor allem am Anfang), aber das ist andererseits ein guter Kontrast zu den teils niederschmetternden Erfahrungen, die der Hakawati und seine Freund*innen als queere Kids im Assad-Regime und später im vom Bürgerkrieg geprägten Syrien machen.

„Die Wäscheleinen-Schaukel“ ist ein weiterer toller Roman aus dem @orlandaverlag, der seit seiner Neuaufstellung 2017 einen Kracher nach dem anderen veröffentlicht. Unbedingt lesen! (Und die Videos von Ahmad Danny Ramadan sehen, zum Beispiel seinen TED-Talk.)

Ahmad Danny Ramadan – Die Wäscheleinen-Schaukel
Aus dem Englischen von Heide Horn und Christa Prummer-Lehmair
Orlanda, Berlin
Januar 2021, 288 Seiten


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s