Alix Kates Shulman – Erfahrungen eines schönen Mädchens

„Obwohl ich mich bis zum Schulbeginn jeden Sommer frei durch unsere Straße und unsere Wälder bewegt und die höchsten Baumkronen erobert hatte, lernte ich innerhalb weniger Wochen, mich klaglos auf den Stufen oder im Schatten der Schule aufzuhalten. Ich lernte die Bedeutung von maskulin und feminin.“

Nach vier Jahren holpriger Ehe schafft es Sasha endlich, ihren Mann zu verlassen. Sie sehnt sich nach freier Liebe und Unbeschwertheit, nach viel Sex und wenig Kompromissen, zugleich aber auch nach ehrlicher Zuneigung. Nichts davon bekam sie von ihm. Gleichzeitig aber hat Sasha Angst, dass ihr mit ihren 24 Jahren nur noch wenig Zeit bleibt, um potentielle Liebhaber oder Ehemänner von ihrem Aussehen zu überzeugen. Denn ihr Aussehen, davon ist Sasha überzeugt, ist ihr großer Trumpf.

Aber woher kommt diese Fixierung auf ihre Schönheit? In chronologischen Rückblicken wird deutlich: Schon als kleines Kind wurde Sasha, aufgewachsen in einer weißen Kleinstadt in Ohio, darauf getrimmt, sich wie ein „Mädchen“ zu verhalten und ihr alle nicht passenden Wesenszüge ausgetrieben. Das zieht sich durch ihr Leben. Sasha behält ihren eigenen Willen und ihre Entschlossenheit zur Selbstverwirklichung bei – ihre Autonomie geht so weit, dass sie auf keinen Fall Kinder haben will, um nicht in Abhängigkeit zu geraten –, versucht aber ebenso, Männern zu gefallen und reizend zu ihnen zu sein, teils aus Eitelkeit, teils aber auch aus Angst davor, sie könnten sonst gewalttätig werden.

„Erfahrungen eines schönen Mädchens“ von der 1932 geborenen Feministin Alix Kates Shulman (gekonnt von Sabine Kray übersetzt) erzählt vom Leben einer ambivalenten Protagonistin, die einerseits patriarchale Normen völlig internalisiert hat, sich dessen aber andererseits bewusst ist und dies mit Witz reflektiert.

Das Besondere an dem Roman: Er ist bereits 50 Jahre alt und beschreibt eine noch länger zurückliegende Zeit, die 1940ern und 1950ern; handelt von der Enge, der Doppelmoral und der sexuellen Belästigung, gegen die sich Frauen kaum wehren konnten, dieser Epoche. Auch ohne dieses Wissen ist das Buch sehr lesenswert, doch dass Shulmans „Erfahrungen“ vor so langer Zeit veröffentlicht wurden, machen sie schlichtweg revolutionär. Damals waren sie ein enormer Erfolg, Frauen fühlten sich erstmals verstanden. Mit dem Blick von heute ist interessant zu sehen, was sich seitdem verändert hat – und was nicht. Wie toll, dass dieses wütende, sehr ironische und pointierte Buch endlich erstmals auf Deutsch übersetzt wurde!

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Alix Kates Shulman – Erfahrungen eines schönen Mädchens
Aus dem Englischen von Sabine Kray
Arche Verlag, Hamburg
August 2021, 352 Seiten


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