Leif Randt – Allegro Pastell

„Er merkte, dass er nicht die volle Kontrolle über seine Mimik hatte, und das empfand er als gutes Zeichen. Jerome mochte den Gedanken, dass er sich selbst gegebenenfalls unerträglich finden würde, könnte er sich hier in der U4 von außen sehen. Einen Gedanken zu mögen, der andere verunsichern würde – das war typisch für den neuen Jerome, der mittlerweile spielerisch unterschied zwischen einer inneren Persönlichkeit, die nur er selbst kennen konnte, und einer äußeren Persönlichkeit, die sich aus den Zuschreibungen der Umwelt zusammensetzte.“

Ich muss zwei Dinge gestehen.

1) Ich wollte „Allegro Pastell“ von Leif Randt eigentlich hate-readen, also Spaß daran haben, jeden Satz zu hassen

und

2) Ich hatte ganz ohne Hate Spaß bei der Lektüre.

Klar, Leif Randt schreibt über Menschen einer konkreten sozioökonomischen und -kulturellen Schicht, nämlich weiße, privilegierte, um sich selbst kreisende Millennials. Um urbane Hipster zwischen 20 und 35 geht es seit vielen Jahren in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur und zumeist erleben sie nur Geschichten, zu denen dieses grauselige Wort „wohlstandsverwahrlost“ passt, sodass es spätestens nach dem dritten Roman dieser Art langweilig wird.

Dass „Allegro Pastell“ sich abhebt, liegt vor allem daran, wie ironisch Randt mit diesem homogenen Milieu, dem er mutmaßlich selbst angehört, umgeht, ohne dabei in die Falle zu tappen, es aus einer fingierten Distanz überheblich zu belächeln. Nein, er mag seine Figuren, das merkt man, aber zugleich weiß er, dass ihre Probleme nicht weltbewegend sind.

Im Prinzip ist „Allegro Pastell“ eine Liebesgeschichte zwischen Autorin Tanja, die in Berlin lebt, und Webdesigner Jerome, der zurück in sein Elternhaus in Maintal bei Frankfurt gezogen ist. Vielleicht ist der Roman auch weniger die Geschichte einer Liebe als die Geschichte vom Ende einer Liebe. Denn obwohl Jerome und Tanja perfekt zusammenpassen, sind sie sich sogar zu ähnlich, und so beendet Tanja kurz nach ihrem 30. Geburtstag Knall auf Fall die Beziehung.

Was „Allegro Pastell“ ausmacht, ist weniger die Story, sondern die Weise, wie Randt seine Figuren erzählt. Sie sind dermaßen self-aware bei jeder kleinsten Handlung, analysieren alles und betrachten sich aus der Außenperspektive. Jerome etwa weiß, dass seine Haare zehn Stunden nach dem Duschen am besten aussehen, während Tanja beruhigt ist, dass sie Kunstwerke nicht wirklich mag. Das klingt in meiner Beschreibung möglicherweise anstrengend, aber nee, das ist lustig, das ist wirklich gut geschrieben, und es hebt sich an anderen deutschsprachigen Romanen ab. Kein Hate-reading also, einfach Fun.

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Leif Randt – Allegro Pastell
Kiepenheuer & Witsch, Köln
März 2020, 288 Seiten


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