novePOP: Auch Streamingdienste sollten Episoden wöchentlich veröffentlichen

Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns Streamingplattformen Staffeln von Serien auf einen Schlag servieren. Aber macht es nicht mehr Sinn, die Folgen wochenweise zu konsumieren? Ich behaupte: ja.

Diejenigen, die meinem Blog schon länger folgen, wissen, dass es hier öfter thematische Ausreißer gibt, dass ich manchmal beispielsweise über Reisen oder Demos schreibe und nicht immer nur über Literatur. Das möchte ich in Zukunft ausweiten und mich verstärkt dem Feld Popkultur widmen. Und da ich nicht wie alle einen Newsletter ins Leben rufen will, gibt es hier ab sofort die Rubrik novePOP.

Als erstes möchte ich mir Gedanken über ein Thema machen, das kein Neues ist, aber in letzter Zeit wieder sehr diskutiert wird: Sollten auch Streamingdienste das klassische analoge Modell annehmen und, anstatt komplette Staffeln zu releasen, nur eine Folge pro Woche onlinezustellen?

Binge Racer und Dopamin

Gerade Netflix hat das Bingen von Serien populär gemacht, so populär, dass der Anbieter sogar einen neuen Begriff eingeführt hat: „Binge Racer“, Menschen, die eine gesamte Staffel innerhalb von 24 Stunden schauen – was bis 2017 rund 8,4 Millionen Abonnent*innen getan hatten, wie Netflix stolz verkündete. Und noch 2019 fand es einer Umfrage zufolge knapp die Hälfte der Zuschauer*innen gut, dass sie die Folgen auf einen Schlag bekommen.

Dass Binge-Watching so beliebt ist, hat durchaus psychologische Gründe, wie dieser Artikel von NBC News sagt. Die Psychologin Renee Carr erläutert, dass das Gehirn dabei Dopamin produziert: „This chemical gives the body a natural, internal reward of pleasure that reinforces continued engagement in that activity … When binge watching your favorite show, your brain is continually producing dopamine, and your body experiences a drug-like high. You experience a pseudo-addiction to the show because you develop cravings for dopamine.” Kein Wunder, dass so viele Menschen – mich eingeschlossen –Binge Racer sind.

Aber Zeiten ändern sich. Neuere Plattformen haben ihr eigentliches Manko, dass sie weniger Content haben als Netflix, zur Tugend gemacht: Disney+ zum Beispiel veröffentlicht standardmäßig nur eine Folge pro Woche, was dem Anbieter nicht schadet.

Vorteile des wöchentlichen Releases

Im Gegenteil, die Vorteile, Folgen im Wochenturnus zu bringen, liegen auf der Hand und sind zahlreich. Werden Staffeln auf einen Schlag veröffentlicht, passiert es eher selten, dass über einen längeren Zeitraum über die Serien gesprochen wird, Ausnahmen sind hier „Bridgerton“, „Tiger King“ und „Stranger Things“. Folgen seltener zu releasen bedeutet, dass sich das Gespräch über eine Serie potentiell über Monate hinweg führen lässt. Zudem gibt den einen das Wissen, dass im ganzen Land oder gar auf der ganzen Welt Leute gleichzeitig die gleiche Folge sehen, das Gefühl einer geteilten Erfahrung. Und die Menschen, die nicht so viel Zeit haben, erhalten dadurch die Chance, trotzdem mitzuhalten (eine Folge pro Woche sollte für die meisten machbar sein) und von Diskussionen nicht gespoilert zu werden, sondern sich selbst zu beteiligen und ebenfalls Theorien entwickeln zu können.

Für diejenigen, die am Entstehen der Serie beteiligt sind, kann Binge-Racing ganz schön frustrierend sein: „You work on something for a year and then it’s over in a weekend for people“, sagte Josh Schwartz („O.C., California“, „Gossip Girl“) kürzlich in Vanity Fair. Es gibt auch ganz banale ökonomische Vorteile: Wer die gesamte Staffel schauen will, kann nicht nach einen Probemonat wieder aussteigen, sondern muss das Abo mehrere Monate lang bezahlen.

Und nicht zuletzt hat das Woche-für-Woche-Schauen psychologische Effekte. Ein längerer Zeitraum, in dem man sich mit einer Serie beschäftigt, bedeutet auch, dass man die Möglichkeit hat, eine stärkere parasoziale Beziehung zu den Protagonist*innen und somit zur ganzen Serie aufzubauen. Es hilft außerdem dabei, sich besser und über einen längeren Zeitraum an den Inhalt zu erinnern. Ziemlich logisch: Wird eine Storyline nicht mit einem Klick aufgelöst, sondern trägt man ihn mit sich und denkt darüber nach. Eine Studie stützt diese subjektive Empfindung: „…one of the best ways to remember something for later is to retrieve it—that is, remember it from the past. And if you have a week in between episodes, you have more time to retrieve that memory throughout the week.” Zudem fördere das stückweise Schauen die Konsolidierung, die Serie verankere sich besser im Langzeitgedächtnis – allein schon aus dem Grund, weil man sich nicht unter Schlafmangel die letzten Folgen reinprügelt.

Von „Underground Railroad“ zu „Love Is Blind”

Natürlich könnte man jetzt argumentieren, dass Serienfans sich mit diesem Wissen einfach die Episoden einteilen sollen. Aber zum einen würde dadurch immer noch keine übergreifende Konversation möglich sein, und zum anderen ist das für einige Menschen (ja, mich) schlichtweg unmöglich. Als Amazon Prime kürzlich die Colson-Whitehead-Verfilmung „Underground Railroad“ auf einen Schlag veröffentlichte, wurde das von vielen Rezensent*innen kritisiert. „Amazon is releasing all 10 episodes at once, so you could binge them. Don’t“, hieß es zum Beispiel in der New York Times. Der Effekt durch diese Form der Veröffentlichung: Über „Underground Railroad“ wurde trotz des großen Namens (immerhin hat der Roman 2017 den Pulitzerpreis gewonnen) und der aufwändigen Produktion wenig gesprochen. Und dadurch hat man halt nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben, wenn man die Sendung nicht kennt.

Serien, die von einem wöchentlichen Release profitiert haben, ist unter anderem „Ted Lasso“, eine Serie, die slow anfing, und dann Woche für Woche eine größere Fanbase aufbaute – was bei einem Staffelrelease wahrscheinlich nicht der Fall gewesen wäre. „The Mandalorian“, „Wanda Vision“ oder „Mare of Easttown“ (auf HBO, also einem konventionellen Sender) sind weitere Beispiele für aktuell Serien, die wochenlang im Gespräch waren, weil sie nicht auf einmal online gingen.

Plädiere ich dafür, dass das mit allen Programmen so gehandhabt werden sollte? Nicht unbedingt. Ich könnte mir vorstellen, dass es bei Dokus Sinn macht, mehrere Folgen auf einmal zu veröffentlichen. Und auch bei Reality-TV ist das nicht unbedingt notwendig – dass Netflix „Love Is Blind“ in zwei Päckchen à fünf beziehungsweise vier Folgen und danach noch die Hochzeitsfolge (plus Reunions) herausgab, war dem Format angemessen („Too Hot To Handle“ dagegen hatte ein wöchentliches Release). So gab es genügend Aufmerksamkeit, ohne der Serie künstlich zu viel Bedeutung beizumessen. Es wäre zukünftig sowohl nischigen Serien als auch großen Produktionen zu wünschen, sie bekämen auch diese Chance, die eine trashige Show wie „Love Is Blind“ hatte, damit sie nicht untergehen, sondern angemessen wertgeschätzt werden können.

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3 Gedanken zu “novePOP: Auch Streamingdienste sollten Episoden wöchentlich veröffentlichen

  1. Moin Isabella,
    ich erinnere mich noch an die – waren es die 80er-Jahre? -, als Denver Clan und Dallas liefen. Was haben wir Kolleginnen die ganze Woche diskutiert: erst über die gestrige Folge und dann darüber, wie es wohl weitergeht. Und nun? Ich habe gerade in kürzester Zeit zwei Staffeln The Blacklist weggesuchtet und bin nicht nur wegen des unbefriedigenden Endes total frustriert. Obwohl ich die Serie super finde.
    Ich wäre also absolut für eine Folge pro Woche.

    Liebe Grüße und noch einen schönen Abend,
    Anne-Marit

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  2. Hallo Isabella,

    da ich familiär bedingt kaum zum Bringe Watchen komme kann ich nur meine aktuellen Erfahrungen mit den von vor 12 Jahren und früher einbringen, als es mit dem Durchschauen von Serien gerade erst los ging.

    Anfangen möchte ich aber mit Akte X und das sich mir durch den wöchentlichen Rhythmus manche Folge so richtig eingeprägt hatte. Dann noch viel darüber gelesen und fertig war der Mix fürs Langzeitgedächtnis.

    Das kann ich von manchen Serien, die ich mit mehreren Folgen hintereinander gesehen habe, nicht behaupten. Da hat sich nicht viel festgesetzt. Einzige Ausnahme mag vielleicht Dexter und Californication sein, die ich aber auch mehr als einmal gesehen habe.

    Bei einer Neuveröffentlichung bin ich klarer Verfechter des wöchentlichen Rhythmus, egal was das für Gründe hat. Man kann sich wirklich um einiges intensiver mit der Serie auseinandersetzen und fühlt sich, wie du schon im Text angesprochen hast, nicht gleich so abhängt. Und außerdem kann man das Gesehene und den Inhalt viel besser verarbeiten. Fand das bei Disney+ aktuell mit Loki oder auch beim Mandalorian sehr angenehm. Und bei der 5.Staffel von Lucifer bin ich mir gerade nicht sicher, ob es dort auch so gemacht wurde. Kann mich zumindest daran erinnern, dass wir einige Zeit gebraucht haben für die letzten acht Folgen.

    Lange Rede,kurzer Sinn: Team Langsamkeit aka wöchentlicher Rhythmus.

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