Kiley Reid – Such A Fun Age

Sie sind weiß und halten sich für woke: Kiley Reid legt mit ihrem Roman „Such A Fun Age“ eine brillante Satire auf Alltagsrassismus vor.

Spätestens seit dem Video, das den Mord an George Floyd dokumentiert, dürfte auch die letzte Person die enorme Bedeutung von Smartphoneaufnahmen bei rassistischen Vorfällen erkannt haben. Inzwischen empfehlen Antirassismusratgeber Unbetroffenen auch, genau das zu tun: potentiell gefährliche Situationen mit dem Handy festhalten. Kelley weiß das. Er ist einer der drei Protagonist*innen in dem Debütroman „Such A Fun Age“ der Schwarzen US-Autorin Kiley Reid, und er zückt sein Smartphone in einer brenzligen Situation. In die ist Afroamerikanerin Emira geraten, Babysitterin der weißen Briar, die zu vorgerückter Stunde, sie ist gerade auf einem Geburtstag, von Briars Eltern Alix und Peter Chamberlain kurzfristig gebeten wird, ihnen das Kind abzunehmen. Emira ist in Partyklamotten und hat getrunken, aber da Alix sie anfleht und Emira das Geld braucht, stimmt sie zu.

Rassismus, der den Tag nicht verdirbt

Im Viertel der bürgerlichen Chamberlains geht Emira mit Briar in einen Supermarkt um die Ecke. Sie tanzen auf den Gängen zu Whitney Houston, als plötzlich der Sicherheitsmann vor ihnen steht und Emira unterstellt, sie habe die Dreijährige entführt. Die Szene, die sich entfaltet, ist unglaublich unangenehm zu lesen, obwohl am Ende nichts „Schlimmes“ geschieht – als Briars Vater, Peter Chamberlain, zu Hilfe gerufen wird, löst sich die Situation auf.

Emira weigert sich zwar, Kelleys Video zu veröffentlichen, es geht aber, so viel sei verraten, schließlich doch viral, weckt Empörung, wird sogar zum Meme. „Inmitten der Flut aus Videos über Polizeigewalt und Black-Lives-Matter-Demos war Emiras virales Video, irgendwie, na ja, witzig“, weiß die junge Frau. Der Hauptgrund, aus dem der rassistische Vorfall im Supermarkt online so ein großes Echo auslöst, liegt für sie auf der Hand: „Es war ein Video über Rassismus, in dem kein Blut floss und das man ansehen konnte, ohne sich den ganzen Tag zu verderben.“ Rassismus light ist leichter zu ertragen, während man sich zugleich darin bestätigen kann, dass man selbst natürlich anders handeln würde.

Performative Wokeness

Genau darin liegt eine der vielen Stärken von Kiley Reids Roman: Sie zeigt, was es mit White Guilt, die Schuld, die Weiße wegen strukturellem Rassismus empfinden, und (vermeintlicher) Wokeness auf sich hat, bleibt in der Figurenzeichnung aber humorvoll. Alix, aus deren Sicht neben Emiras die Handlung geschildert wird, ist eine gut situierte Mitdreißigerin, die seit kurzem in Philadelphia wohnt, auf Instagram aber immer noch so tut, als wäre sie in Manhattan. Sie hält sich für eine Feministin – sie ist Anhängerin von Hillary Clinton, wir schreiben das Wahljahr 2015 – und für extrem woke. Wie performativ ihre Wokeness ist, fällt ihr nicht auf. Dabei liegt sie des nachts wach und zählt nach „wie viele afroamerikanische Gäste an ihrer Thanksgiving-Tafel sitzen würden“. Fünf, stellt sie zufrieden fest.

Während sich Emira nicht sonderlich für Alix interessiert – sie ist halt ihre Arbeitgeberin – entwickelt Alix eine Art Obsession, die grenzüberschreitend wird. Sie reißt Preisschilder von Neuanschaffungen ab, damit Emira nicht sieht, was sie dafür ausgegeben hat, sie checkt sogar heimlich Emiras Handy, um mehr in ihre Welt einzutauchen. Zunächst frustriert darüber, dass Emira nicht in sozialen Netzwerken aktiv ist, betrachtet sie später ihren eigenen Instagram-Kanal durch die vermeintlichen Augen Emiras, die als ihr Spiegel fungiert. „Alix hatte oft den Eindruck, Emira würde sie als Paradebeispiel für eine reiche Weiße betrachten, so wie Alix viele der nervigen Upper-East-Side-Mamas, die sie und ihre Freundinnen immer gemieden hatten.“ Eine Horrorvorstellung für Alix, denn sie ist überzeugt, „würde Emira nur einmal genauer hinsehen, würde sie Alix eine Chance geben, würde sie ihre Meinung ändern, dessen war sich Alex sicher“. Und Emira? Der fällt Alix‘ Verhalten natürlich auf, es nervt sie. Doch tiefere Gedanken verschwendet sie nicht an sie.

Alix und Emira trennt aber nicht nur ihre Race, sondern auch die Class: Emiras täglicher Kampf hat weniger mit Rassismus zu tun als damit, dass sie orientierungslos durchs Leben treibt, dauerpleite ist und weiß, dass sie in wenigen Wochen, nach ihrem 26. Geburtstag, aus der elterlichen Krankenkasse fliegen wird. Sogar die rassistische Situation im Supermarkt speichert Emira halb als ihre Schuld ab – hätte sie einen „richtigen“ Job gehabt, wäre das nicht passiert.

Von Allies und Entmündigung

Nach dem Vorfall trifft Emira Kelley zufällig wieder und die beiden beginnen zu daten. Kelley ist ein Ally, oder zumindest hält er sich dafür, hat viele Schwarze Freund*innen und vor Emira schon Schwarze Freundinnen gehabt. Er fühlt sich so wohl in der Schwarzen Kultur, dass er es – wohl unbewusst, bei anderen würde er das stark kritisieren – ohne zu zögern wagt, das N-Wort vor Emira auszusprechen. Die weiß nicht, wie sie reagieren soll. „Hätte er nicht lieber ‚das N-Wort‘ sagen sollen?“, fragt sie sich und ringt mit Abscheu. Doch dann entscheidet sie sich: „Weißt du was? Auch das lasse ich dir durchgehen.“

Schon früh im Roman stellt sich heraus, dass Kelley und Alix eine gemeinsame Vergangenheit haben – sie waren für kurze Zeit während der High School zusammen, eine Beziehung, die vor allem aus Alix‘ Sicht dramatisch in die Brüche ging. Das ist fast eine Schleife zu viel, die die Handlung schlägt. Aber der Plot von „Such A Fun Age“ ist so spannend geschrieben, Rassismus und Klassismus dabei so nuanciert behandelt, dass man dies gerne verzeiht. In einer besonders starken Szene diskutieren Alix und Kelley über das Wohl von Emira, ohne zu merken, dass sie gar nicht Emira selbst fragen und damit komplett entmündigen.

Abwechselnd aus den Perspektiven von Alix und Emira erzählt, was auf subtile, satirische Weise die vollkommen unterschiedlich gelagerten Interessen konterkariert, ist „Such A Fun Age“ ein leicht zu lesender, ironischer Roman, der aber komplexe Beziehungen und Gefühle thematisiert. So lebendig und szenisch, wie das Buch geschrieben ist, verwundert kaum, dass noch vor der Veröffentlichung von „Such A Fun Age“ in den Staaten bereits die Fernsehrechte verkauft wurden – an keine Geringere als Drehbuchautorin, Schauspielerin und Filmproduzentin Lena Waithe, die bereits als Produzentin der Serie „Dear White People“ und des Films „Queen & Slim“ fungierte.

Dieser Text wurde als erstes im nd vom 02. Juni 2021 veröffentlicht.

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Kiley Reid – Such A Fun Age
Aus dem Englischen von Corinna Vierkant
Ullstein, Berlin
Mai 2021, 352 Seiten


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