Gastland Spanien: Endspurt für die Frankfurter Buchmesse

Bücher von Festivalgästen in der Buchhandlung IBOR in Barbastro

In wenigen Monaten schon ist die Frankfurter Buchmesse, auf der dieses Jahr Spanien seine Literatur präsentiert. Doch wie steht es bestellt um den Gastlandauftritt? Im Mai fanden in der aragonesischen Kleinstadt Barbastro die Fachtagung Otra Mirada und das Literaturfestival Barbitania statt, beide mitorganisiert von der Buchmesse. Ein Einblick von Mirjam Ziegler.

Irgendwo in Aragonien. Vor dem Fenster sieht man nichts als Weinberge, dann endlich fährt der Bus in Barbastro ein: Für fünf Tage wird das 17.000 Einwohner-Städtchen im Weinbaugebiet Somontano zur Hauptstadt der spanischen Literatur.

Mehr als über 200 Branchenvertreter*innen kommen am ersten Tag zu einer Tagung zusammen, und zwar nicht nur aus Spanien. Es soll vor allem um Austausch gehen, darum wurden auch Gäste aus Lateinamerika und – im Hinblick auf den Ehrengastauftritt – aus Deutschland eingeladen. Die sind begeistert von der spanischen Gastfreundschaft: Jede Menge Rotwein und so viel gutes Essen, dass man eigentlich eine Siesta brauchen könnte. Doch das Programm ist straff. 

In ihrer Eröffnungsrede betont María José Gálvez, Generaldirektorin für Bücher und Leseförderung im spanischen Kulturministerium, was für ein wichtiges Projekt der Buchmesseauftritt für den Staat sei. Deswegen wurde 2019 auch ein Übersetzungsförderprogramm ins Leben gerufen, das bisher über 300 ins Deutsche übersetzte Bücher mitfinanziert hat, so Gálvez, was beweise, dass das Programm Wirkung zeigt. Das Publikum reagiert auf diese Information eher verhalten. Ist das tatsächlich viel, wenn man bedenkt, dass ein kleines Land wie Georgien für seinen Buchmesseauftritt mehr als 200 Titel übersetzen ließ?

Geringes Interesse an spanischer Literatur?

Im Gespräch mit spanischen Verleger*innen und Lektor*innen höre ich immer wieder, dass es nicht leicht sei, Bücher in deutscher Übersetzung herauszubringen. Es gebe zwar punktuelle Unterstützung wie die Übersetzerresidenz im Goethe-Institut Madrid, in der etwa Matthias Strobel den neuen Roman von Juan Gómez Bárcena („Kanada“) in Zusammenarbeit mit dem Autor übersetzt hat. Doch einerseits sei das Interesse an spanischer Literatur von deutscher Seite gering, andererseits seien die Förderanträge sehr kompliziert: Sie könnten einen davon abhalten, überhaupt Förderung zu beantragen, ja, sie seien geradezu dafür gemacht, dass man sie nicht in Anspruch nimmt, heißt es von mehreren Seiten. 

Im persönlichen Gespräch abends in einer Bodega äußert ein madrilenischer Verleger eine gewisse Enttäuschung über das Instituto Cervantes: „Es tut mir in der Seele weh, aber das Institut Ramon Llull [das katalanische Kulturinstitut, ein Pendant zum spanischen Instituto Cervantes] leistet da viel bessere Arbeit. Die wissen, wie man kommuniziert, und sie machen viel mehr, weil ein politischer Wille dahintersteht. Das Instituto Cervantes ist leider nicht so gut organisiert. Ich sage es nur ungern, aber die könnten sich einiges von den Katalanen abschauen.“ 

Am Tisch mit den deutschen Gästen Heinrich von Berenberg, Roland Spahr (S.Fischer) und Ben von Rimscha (Buchhandlung am Moritzplatz) herrscht beste Stimmung, auch wenn die spanischen Essenszeiten ungewohnt sind: Das Dessert wird erst nach Mitternacht serviert. Auch am zweiten Tag wird intensiv diskutiert und verglichen: Was machen die Kolleg*innen anders? Wie wirkt es sich auf den Buchhandel aus, dass es in Deutschland drei Barsortimente gibt, während es in Spanien momentan um die 30 und beispielsweise in Mexiko mehr als 200 Zulieferer sind? Die Diskutierenden haben sich viel zu sagen, und die Freude am persönlichen Aufeinandertreffen ist groß.

Gesprächsrunden und Wein

Danach reisen die meisten Branchenleute ab, die Deutschen aber bleiben noch zum Literaturfestival Barbitania, das dieses Jahr zum ersten Mal stattfindet. Am Wochenende füllt sich Barbastro mit Festivalpublikum und gut 20 Schriftsteller*innen, vor allem aus Spanien, doch auch drei deutsche sind dabei: Die Historikerin und Romanautorin Verena Boos, die Kinder- und Jugendbuchautorin Adriana Stern und die Romanautorin Sabrina Janesch beteiligen sich an den Gesprächsrunden mit ihren spanischen Kolleg*innen.

Sabrina Janesch diskutiert mit Agustín Fernández Mallo, Edurne Portela und Moderatorin Marta Sanz über „Gewalt“

Interessant ist das Konzept: Nicht ihre Werke stehen im Mittelpunkt, sondern jede Gesprächsrunde hat ein Leitwort wie Macht, Familie, Netz oder Reise. Dadurch kommen Autor*innen, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, zu einem Thema ins Gespräch. Sabrina Janesch spricht zum Beispiel mit Schriftsteller und Lyriker Agustín Fernández Mallo und der Baskin Edurne Portela zum Leitwort „Gewalt“ über Traumata, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, und ihre Verarbeitung in der Literatur. Der Zweite Weltkrieg war ein großer Infektionsherd, sagt Janesch. Bei Verena Boos, Héctor Abad aus Kolumbien (der bei Berenberg verlegt wird) und Krimiautorin Berna González geht es unter dem Leitwort „Geschichte“ darum, wie man beim Schreiben immer und immer wieder genau hinsehen müsse, auch wenn es wehtäte. Zum Thema „Kindheit“ stellen Adriana Stern, die spanische Autorin Laura Fernández und der mehrfach prämierte Schriftsteller Ricardo Menéndez Salmón fest, dass sie alle drei als Kinder in Bücher flüchteten – und ihre inneren Kinder nun in ihren eigenen Geschichten leben.

Barbastro, dieser kleine, sonst sicher verschlafene Ort, bietet eine wunderbare Gelegenheit, ganz nah an die spanische Literatur heranzukommen und – anders als auf hektischen Buchmessen – mit nicht allzu beschäftigten Autor*innen ein paar Gläser Wein zu trinken. So intensiv das Programm ist, sind trotzdem alle entspannt. Die Schriftsteller*innen hören einander aufmerksam zu und scheinen manchmal selbst überrascht, was aus dem Gespräch entsteht. Ob das am Konzept oder an der spanischen Spontaneität liegt? Jedenfalls machen die Gesprächsrunden dem Motto des Buchmesseauftritts „Sprühende Kreativität“ alle Ehre. Von Rimscha findet es faszinierend, was hier alles improvisiert wird – aber dann trotzdem wunderbar funktioniert.

9. Juni: Pressekonferenz für den Gastlandauftritt

Es mag etwas gedauert haben, bis Spanien mit der Vorbereitung des Ehrengastauftritts in Gang kam. Ich hoffe, die Spanier*innen können so wie schon in Barbastro zeigen, wie vielseitig die ihre Literatur ist. Von den anwesenden Schriftsteller*innen sind allerdings bislang nur Berna González und Manuel Vilas („Die Reise nach Ordesa“, 2020 im Berlin Verlag erschienen) nach Frankfurt eingeladen. Letzterer hatte Spanien schon bei der Gastrollenübergabe vergangenes Jahr repräsentiert. Welche und wie viele Autor*innen sonst noch zur Buchmesse reisen werden, wird am 9. Juni in der Pressekonferenz bekanntgegeben, wenn das offizielle Literaturprogramm und der spanische Pavillon vorgestellt werden. 

Spanien hat sich zwar nicht schon Jahre vorher so gut organisiert wie Norwegen oder Georgien. Ich bin jedoch gespannt, was kurzfristig noch passieren wird, und würde mich nicht wundern, wenn Spanien auch in Frankfurt spontan begeistert. Bis dahin werde ich hier im Blog einige Autor*innen vorstellen – denn das Land hat noch viel mehr zu bieten als die zwei, drei Schriftsteller, die dem deutschen Publikum zumeist geläufig sind.

Transparenz/Werbung: Ich bin auf Einladung der Frankfurter Buchmesse nach Barbastro gereist, die die Veranstaltungen mitorganisiert hat. Die Reise wurde vom spanischen Kulturministerium gefördert. Das hat keinen Einfluss auf meine Darstellung.

Moderator Antón Castro (links) spricht mit Manuel Vilas, Laura Fernández und Héctor Abad über „Familie“

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