Ibon Zubiaur – Wie man Baske wird

Spreche ich in Deutschland über das Baskenland, eine Region, in der ich ein Jahr lang gelebt habe und die ich sehr liebe, gibt es meistens nur eine Assoziation: die ETA. Einige wissen dann noch, dass die Sprache etwas Besonderes ist. Und ja, das ist sie, Euskera ist die älteste Sprache Europas mit unbekanntem Ursprung und ohne direkte Verwandte (manch Linguist*in sieht Verbindungen zum Finnischen und Ungarischen). Aber ganz so straight und vor allem: ganz so mystisch ist das Euskera nicht.

Mit dem Image über diese einzigartige Sprache, das Bask*innen sehr gerne verbreiten, und mit weiteren rund um baskische Traditionen und Identität, räumt Ibon Zubiaur in seinem Essay „Wie man Baske wird“ auf, in dem er den baskischen Nationalismus zerpflückt. Um die ETA übrigens geht es so gut wie gar nicht, sondern um „die grassierende Legende, die aus den Basken ein uraltes, traditionsliebendes Völkchen machen will“, also den Ursprung des Glaubens um eine Überlegenheit und den Einfluss dieses Glaubens auf die jetzige Gesellschaft. Zubiaur muss es wissen: Er ist in Getxo, Bizkaia, geboren und spricht Baskisch. Bereits seit 2002 lebt er in Deutschland, „Wie man Baske wird“ hat er auf Deutsch verfasst. Den meisten deutschen Romanist*innen ist Ibon Zubiaur bekannt, weil er von 2008 bis 2013 das Instituto Cervantes in München leitete.

Wie also macht das baskische Volk aus? Nun, laut Zubiaur wurde fast alles, was im Baskenland als jahrtausendealte autochthone Kultur präsentiert wird, in echt im 19. Jahrhundert von einem einzigen Mann, von Sabino Arana Goiri (1865-1903), erfunden. Er gründete die konservative Volkspartei PNV, entwarf die Flagge und die Hymne, legte den Begriff „Euskadi“ und die Grenzen des Baskenlands fest, dachte sich „baskische“ Namen aus und schraubte an der Sprache herum. Überhaupt, die Sprache: Es stimmt natürlich, dass Baskisch die älteste Sprache Europas ist. Die Definition als „Sprache“ ist aber schwierig, weil die Dialekte, Begriffe und grammatikalischen Eigenheiten sehr stark von Dorf zu Dorf variierten; eine übergreifende, einheitliche Grammatik wurde sogar erst nach Arana (der die Grundzüge des Einheitsbaskisch bestimmte), in den 1970er Jahren, entworfen.

Diese Grammatik wurde nach der Diktatur an den baskischen Schulen, den Ikastolas, gelehrt. Ein „Experiment“, so bezeichnet Zubiaur es, da die meisten Lehrer*innen dieses „neue“ Baskisch ebenfalls nicht beherrschten. Die Versuche, den Kids Euskera beizubringen, waren auch nur mäßig erfolgreich, wie Ibon Zubiaur, der selbst eine Ikastola besuchte, aus eigener Erfahrung weiß: Sein Verhältnis zur Sprache sei abstrakt, nicht natürlich, folge eher der Lösung von Mathematikaufgaben denn einem echten Sprachgefühl – und das teile er mit „den allermeisten baskischen Sprechern“. In der Theorie sprächen zwar recht viele Bask*innen Euskera, in der Praxis, also mit der Familie oder Freund*innen, aber halt nicht.

Das hat mehrere Gründe, die in erster Linie wieder auf den Nationalismus zurückzuführen sind: Dem ging es nämlich weniger „um die Entwicklung der Sprache als Kommunikationsinstrument“, sondern „um die Betonung beziehungsweise Etablierung einer Differenz“. Sabino Arana graute vor der Vorstellung, Nicht-Bask*innen könnten das Baskische erlernen; er sah dies als ein Privileg an, das nur Bask*innen vorbehalten sein sollte. Aber klar: Dieser Eifer, die baskische Sprache, Identität und Kultur als Differenz „nachdrücklich zu betonen, ist selten ein Zeichen souveränen Umgangs mit der eigenen Identität“, wie Zubiaur trocken kommentiert.

Mit der durch Arana geprägten rassistischen Blut-und-Boden-Ideologie (die übrigens schon die ETA abschaffte, weil ihr klar war, dass sie mit dem Fokus auf eine „reine baskische“ Herkunft keine Überlebenschance hätte), bricht der Fußballverein Athletic Bilbao. Ausgerechnet der Fußballverein, von dem es heißt, er engagiere nur baskische Spieler. Dass diese Annahme falsch ist, zeigt Zubiaur: In dem Verein spielen auch im Baskenland aufgewachsene und in der Jugendorganisation von Athletic geförderte Spieler – also ohne baskischen Nachnamen oder Euskera-Kenntnisse.

„Wie man Baske wird“ räumt mit vielen Wunschbildern und Falschannahmen auf, sowohl mit jenen, die außerhalb des Baskenlands existieren als auch jenen, die von Bask*innen selbst gehegt und gepflegt werden. Und das tut Zubiaur aus der Sicht eines Menschen, der all das erlebt hat, aber nicht bitter, sondern mit leisem Humor auf diese Erfahrungen zurückblickt. „Wie man Baske wird“ ist eine Entzauberung – ich persönlich als Baskenland-Fan weigere mich natürlich, das alles anzunehmen, ha! Aber wenn ich ganz, ganz ehrlich bin, fürchte ich, Ibon Zubiaur hat recht. Lesenswert ist sein Buch allemal.

Ibon Zubiaur – Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation
Berenberg Verlag, Berlin
März 2016, 96 Seiten


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