Dilek Güngör – Vater und ich

„Überall fehlen mir die Worte, in deiner Sprache, in meiner Sprache und mit dir sowieso.“

Wann sie aufgehört haben miteinander zu sprechen, weiß sie nicht genau. Warum, das weiß sie auch nicht. Ipek ist angesehene Journalistin, mit ihren Interviewpartner*innen redet sie ungezwungen, mit dem Nachbarn, mit der Mutter. Aber ihr Vater und sie bleiben stumm. Liegt es daran, dass ihr Türkisch nicht so gut ist, sein Deutsch nicht? Liegt es daran, dass die Mutter immer so viel sprach, dass Worte zwischen Vater und Tochter überflüssig waren? Haben sie eigentlich noch nie viel geredet, aber eine gut funktionierende non-verbale Kommunikation gehabt, als sie noch klein genug war, dass kuscheln unter der Decke ging?

Als ihre Mutter für ein paar Tage verreist, beschließt Ipek, von ihrer Wahlheimat Berlin zurück ins schwäbische Dorf zu fahren und die Zeit mit ihrem Vater zu verbringen, wohlwissend, dass das Schweigen möglicherweise unüberbrückbar ist, die Stille awkward sein könnte.

Dilek Güngörs „Vater und ich“ ist kein nostalgischer Text, kein sentimentaler – Ipek kehrt auch nicht in die Wohnung ihrer Kindheit zurück, sondern in das Haus, das ihre Eltern nach ihrem Auszug kauften. Der Roman ist ein ruhiges Nachdenken über die Beziehung zum Vater, der Versuch einer Annäherung und des Überwindens der Scham, die Suche nach einer gemeinsamen Sprache und die langsame Akzeptanz, dass manche Brücken nicht geschlagen werden können, die Liebe aber trotzdem bleibt. Das geschieht auf wenigen Seiten, das Buch hat nicht mehr als 100. Aber manchmal reichen wenige Worte, um viel zu sagen.

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Dilek Güngör – Vater und ich
Verbrecher Verlag, Berlin
Juli 2021, 104 Seiten


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