open mike 2016 (Heimathafen Neukölln, Berlin)

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Bevor der 24. open mike mit 22 Nachwuchsautoren offiziell startete, traten am Vortag drei ehemalige open-mike-Finalisten auf die Bühne, die inzwischen ihr erstes Buch veröffentlicht haben: Maren Kames („Halb Taube Halb Pfau“, Secession) und Lektor Alexander Weidel, Jan Snela („Milchgesicht“, Klett-Cotta) und Verleger Michael Zöllner sowie Isabelle Lehn („Binde zwei Vögel zusammen“, Eichborn) und Lektor Dominique Pleimling sprachen im Heimathafen Neukölln mit der Moderatorin Gesa Ufer darüber, wie sie zu einem Buchvertrag kamen.

Sie habe keinen „hämmernden Brustkorb mehr im Gepäck“, vergleicht Maren Kames ihren Auftritt beim open mike vor drei Jahren mit der heutigen Veranstaltung, auch wenn es immer noch aufregender sei, auf der Bühne statt im Publikum zu sitzen. Jan Snela, dessen Teilnahme bereits sechs Jahre zurückliegt, bezeichnet den open mike als seinen „Türöffner“. „Ich hatte meinen Text seit zwei Jahren in der Schublade und war im Begriff, aufzugeben.“ Als ein Freund seinen Text beim open mike einreichte, tat Snela es ihm gleich – und gewann prompt. Isabelle Lehn, die im Jahr 2011 Finalistin war, ergänzt: Im Vergleich zu ihrem Auftritt in Klagenfurt diesen Sommer war sie beim open mike aufgeregter. „Man hatte zum ersten Mal Kontakt zu Verlagen, Agenten und Medien. Es war gar nicht so einfach, damit umzugehen, aber eine wichtige Erfahrung.“

Maren Kames und ihr Lektor Alexander Weidel stellen ihr Buch vor. „Halb Taube Halb Pfau“ ist nicht nur inhaltlich, sondern auch formal außergewöhnlich: Barcodes verweisen auf eine zweite Ebene mit Audiodateien. „Ich habe nicht einmal ein Smartphone“, kommentiert Kames trocken. Vermittelt wurde sie von der Literaturagentur Elisabeth Ruge, die Weidel das Manuskript schickte. „Secession hatte den Antrieb, junge deutschsprachige Autoren zu finden“, erzählt der Lektor. „Als ich die E-Mail bekam, dachte ich zunächst: Oh nein, bitte keine Lyrik!“ Doch nachdem er Maren Kames‘ Text gelesen hatte, war er begeistert: „Uns war klar, dass das ein Wagnis sein würde, aber wir wollten es unbedingt machen. Jetzt musste sie sich nur noch für uns entscheiden!“ Lange ließ Kames ihren zukünftigen Lektor nicht zappeln und meldete sich nach wenigen Tagen zurück. Obwohl das Manuskript eigentlich fertig war, nahmen sich Weidel und Kames für den Feinschliff Zeit. „Teilweise haben wir über ein Wort eine halbe Stunde lang diskutiert.“

Bei Jan Snela dauerte es ganze sechs Jahre von seinem Sieg beim open mike 2010, bis schließlich Anfang des Jahres sein Erzählband „Milchgesicht“ bei Klett-Cotta veröffentlicht wurde. „Ich hatte immer mal wieder die Gelegenheit, an den Texten zu arbeiten, ja“, sagt Snela schmunzelnd, ohne näher auf die lange Zeitspanne einzugehen. Verleger Michael Zöllner erzählt, dass sein Partner Tom Kraushaar auf Snela tatsächlich dadurch aufmerksam wurde, weil er ihn beim open mike lesen sah. „Danach haben wir lange nichts von ihm gehört, bis Brigitte Kronauer kam!“ Kronauer, eine der wichtigsten Schriftstellerinnen des Verlags, empfahl Klett-Cotta Jan Snela. Die Zusammenarbeit zwischen Zöllner und Snela erwies sich als entspannt. „Ich konnte meine Texte bis zur letzten Minute noch ändern“, verrät der Autor, der sich durch einen ausgefallenen, assoziativen und komplexen Stil auszeichnet. Michael Zöllner ergänzt: „Es gab immer neue Varianten. Am Ende hat es fast wehgetan, diese lebendigen Texte zu fixieren.“

Im Vergleich zu Maren Kames‘ Lyrikband und Jan Snelas Erzählband ist Isabelle Lehns Debütroman verhältnismäßig konventionell, obgleich gerade diese Geschichte einiger Erklärung bedarf. Dominique Pleimling, Lehns Lektor, führt in den Roman ein. „Schön, dass du das erledigst“, grinst die Autorin, bevor sie ans Pult geht, um zu lesen. „Ich habe extra eine Stelle vom Anfang gewählt, damit ich nicht so viel erklären muss.“ Ähnlich wie Alexander Weidel begeisterte sich Pleimling von der ersten Minute an für Isabelle Lehns Manuskript. „Ich habe den Text an meinem freien Tag in einem Rutsch durchgelesen.“ Besonders die Dringlichkeit gefalle ihm und dass der Roman reportagenhafte Passagen hat, die Autorin sich aber trotzdem für eine fiktionale Herangehensweise an das Thema entschied. „Der Roman lässt viel Interpretationsraum zur gesellschaftlichen Haltung zu“, betont Dominique Pleimling.

Zuletzt interessiert Gesa Ufer, wie wichtig denn ein zeitgemäßer Text für die Lektoren sei. „Mir ist schnell klar, war passt“, so Weidel. „Es geht mir in erster Linie nicht um den Plot, sondern um die Sprache, die mich überraschen muss.“ Zöllner ergänzt, im Falle von Snela handele es sich um zeitgemäße Texte mit „aus der Zeit gefallenen Menschen, Idealisten.“ Die letzte Frage, die Ufer an die drei Autoren hat, bezieht sich auf den Literaturbetrieb an sich. Hilft es denn, in ihm sozialisiert zu werden? Kames, Snela und Lehn sind sich einig: Man habe zwar die Architektur der Branche besser im Blick und käme leichter an Kontakte – am Ende entscheidet aber trotzdem das Manuskript.

Die Jury des 24. open mikes, bestehend aus Lutz Seiler, Saša Stanišić und Inger-Maria Mahlke.

Die Sieger des open mike 2016: Sandra Burkhardt (Lyrik), Rudi Nuss (taz-Publikumspreis), Benjamin Quaderer (2. Platz), Thilo Dierkes (1. Platz).

Heimathafen Neukölln
11. November 2016
24. open mike – Auftakt Debütlesungen mit Maren Kames, Jan Snela und Isabelle Lehn
Moderation: Gesa Ufer

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